2,932 Millionen…

Liebe geneigte Leser, das ist sie, ein Parameter unseres Glücks, die Zahl der Arbeitslosen ist nach wie vor konstant unter drei Millionen. Hierfür malen sich unsere Regierenden Monat für Monat die Eier und –stöcke (immer korrekt gendern!) machttrunken wunderschön in Schwarz-Rot-Gold an. 

Und während immer noch über eine Frauenquote in den DAX-Vorständen gegackert wird (ca. 33 Posten insgesamt) florieren nach wie vor die Heilsbringer des deutschen Arbeitsmarktes. Durch die Fluren der Arbeitsagentur weht die hoffnungsvolle Botschaft der einzigartigen Möglichkeit des Einstiegs in den Ersten Arbeitsmarkt. Deshalb wird dort bereits, vermutlich von der Unternehmensberatung Roland Berger zum Spottpreis von ca. einer Millionen Euro entwickeltes Blatt (selbstverständlich auf Umweltpapier) mit den Zeitarbeitsfirmen der Region ausgegeben. Diese Worksheet – ach was, diese ultimative Liste des Lebens – ist sogar beidseitig bedruckt, also tendiert der Preis für die Erstellung wohl eher in Richtung zwei Millionen. So wurde die Beratungsleistung mit einem „telefonieren Sie die einfach durch“ marktrelevant modifiziert.

Deshalb ist es auch für mich an der Zeit, das hohe Lied auf die Zeitarbeit zu singen. Weiland gab es tatsächlich so etwas wie die Verantwortung eines Unternehmers gegenüber seinen Angestellten. Süß, oder? Aber eben auch antiquiert. Ergo: Millionen von Arbeitnehmern haben gar keinen Arbeitgeber mehr, sondern einen Zuhälter.

Hier die Personalleasing-Classics:

  • Wenn Sie sich anstrengen und bewähren, haben Sie die tolle Chance übernommen zu werden.
  • Viele mögen das, immer wieder in anderen Firmen eingesetzt zu werden, alles andere wäre ihnen zu langweilig.
  • Sie verstehen, wir müssen uns da auch absichern.
  • Wir halten uns selbstverständlich an den Mindestlohn und an den Rahmentarifvertrag.
  • Sie vergessen die hohen Lohnnebenkosten.
  • Wir sind alternativlos.
  • Sie machen das jetzt, sonst kürzen wir Ihnen die Leistungen.
  • Wenigstens haben sie nicht weniger als vom Amt. Dann können Sie das doch machen.

Ein interessantes Phänomen ist dabei zu beobachten. Hört man den Bürger und die dazugehörige Bürgerin nun über die Entlohnung des Produktionsfaktors (Begriffe wie „Kollege von der Leihfirma“ oder gar „Mensch“ wollen wir in diesem Zusammenhang meiden) diskutieren, hört man keinen Aufschrei im Sinne von „ist dieses Gehalt aber niedrig“, sondern es geht immer gegen der Ärmsten der Armen: Hartz IV-Empfänger bekommen zuviel Geld. Und schon wäre die Differenz zwischen Existenzminimum und Minilohn wieder hergestellt und Arbeit würde sich wieder lohnen.

So pendelt die Hartz IV-nahe Human Ressource zu seinem aktuellen Einsatzort und hört dabei das Wehklagen der anderen Pendler, deren Ängste und Nöte, das Ringen um den günstigsten Urlaub, die neue Einbauküche, das neue Auto und der Schaffner, der auf der Strecke Schwandorf – Regenstauf nicht wusste, auf welchem Bahnsteig der Regionalexpress nach Nürnberg in der Frankenmetropole einrollt. Gerade in solchen Situationen wird mir als Athesit wieder bewusst, welchen unglaublichen Fehler dieser Herrgott da in die Schöpfung eingebaut hat, dass er zwar die Augen schließbar gemacht hat, die Ohren aber leider nicht.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. So beginnt unser Grundgesetz. Ein eherner Grundsatz. Oder etwa nicht mehr? Ich denke, dass hier nicht nur unter den oben genannten Teilaspekt eine kranke Denkweise unserer modernen Gesellschaft greift. Nachdem dieser Artikel wohl nicht einfach ersatzlos zu streichen ist nutzen wir doch einfach die Dynamik der Sprache und definieren MENSCH marktkonform – „Rentner“, „Menschen am Rande der Gesellschaft“, „Flüchtlingsbekämpfung“, „Migranten“, „bildungsferne Schichten“, „Pflegepersonal“, „Gefährder“, „Wirtschaftsflüchtling“, …und…und..und…

Noch ist dieser Gedanke zynisch und übertrieben. Aber wie lange noch? 

In eigener Sache:

Liebe SPD, falls Euch einmal wieder so ein Sozialromantiker die Weiland durch Euch so mannigfaltig geschaffenen Möglichkeiten zum Einstieg in den Ersten Arbeitsmarkt kritisiert (Spichwort Z-Arbeit), so antwortet doch einfach mit Goethe: “…Durch fortdauernde Anhänglichkeit und Liebe wird der Diener seinem Herrn gleich, der ihn sonst nur als einen bezahlten Sklaven anzusehen berechtigt ist. Ja, diese Tugenden sind nur für den geringen Stand; er kann sie nicht entbehren, und sie kleiden ihn schön. Wer sich leicht loskaufen kann, wird so leicht versucht, sich auch auch der Erkenntlichkeit zu überheben. Ja, in diesem Sinne glaube ich behaupten zu können, dass ein Großer wohl Freunde haben, aber nicht Freund sein könne.” (gerade gefunden in “Wilhelm Meisters Lehrjahre”)

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