offener Brief an die Gesellschaft

Liebe Gesellschaft, du tröge, nicht fassbare und auch im übertragenem Sinne unfassbare Masse. Es ist mal wieder an der Zeit, dass ich dir einen offenen Brief schreibe.

Liebe Gesellschaft, nachdem es dir viele Monate am breitgesessenen und wohlgenährten Gesäß vorbeigegangen ist, wie die Menschen in Syrien und in den dazugehörigen Flüchtlingscamps elend verreckt sind, kommt nun doch Bewegung in die Sache. Nachdem die ISIS nun auch zu uns herüber schwappen kann (wie soll das eigentlich funktionieren, hat dir das deine BILD auch erklärt?) gibt es nur eine Lösung: Mit flammendem Schwert dreinhauen, sprich Waffen liefern! Da reibst du dir natürlich selbstzufrieden die Hände, denn damit handelt es sich um einen einwandfreien Akt moralischer Humanität, gewürzt mit einer pfiffigen betriebswirtschaftlichen Note. Da lässt sich unter diesen Gesichtspunkt doch sicher ein Bischof finden, der diese Friedenstauben von Heckler & Koch, Kraus-Maffei und weiteren philanthropischen Einrichtungen noch segnet. Das Leben ist schön, denn jetzt konnte auch noch Corinna endlich ihren Schumi nachhause holen. Das muss das Volk schon mal ein Tränchen verdrücken…

Apropos Volk, liebe Gesellschaft – weiland galten wir als das „Volk der Dichter und Denker“. Zugegebenermaßen entstand dieses Image noch bevor wir zweimal Europa in Schutt und Asche gelegt haben, aber trotzdem bleibt uns dieser Makel haften. Warum soll das ein Makel sein, es ist doch vielmehr ein intellektuelles Qualitätssiegel? Das Wort, einst eine mächtige Waffe gegen Missstände aller Art, ist leider schon längst in den Händen einer dreisten Falschmünzerbande. Die Volksvertreter wollen die „Menschen am Rande der Gesellschaft abholen“, „ihnen die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“ und belehren uns, das das transantlantische Bündnis für immer und ewig alternativlos sei. Dass „er als falsche Sechs die Bälle im Mittelfeld antizipiert“ ist da nur noch eine Randerscheinung…

„Hallo, ich bin der Kevin, ich bin Erzieher“, bei solchen Ansagen bist du, liebe Gesellschaft, schlagartig hellwach. Selbstverständlich jagt dir nicht „oh, ein sozial engagierter junger Mann, der erkannt hat, wie wichtig gerade die Erziehung unserer Kinder in dieser frühen Phase ist“ durch das in die BILD-Zeitung gewickelte Hirn. Deine Synapsen knallen da in eine ganz andere Richtung: „Ein männlicher Kindergärtner, so eine Birkenstock-Schwuchtel! Oder ist er hetero, also pädophil? Man liest ja soviel davon…“ Hier, Kevin, kriegst du ein Trinkgeld, ergo dein Gehalt. Mehr erwirtschaftest du leider laut Herrn Sinn vom IFO-Institut und den anderen hochangesehenen und mit reichlich Sendeplatz ausgestatteten Wirtschaftsnutten nicht. Und weil wir ja in einer Solidargemeinschaft leben, gilt das natürlich auch für Altenpfleger, Heilerzieher und Krankenschwestern. Die hätte ja alle nur was Gescheites lernen müssen…

Wer kennt den Spruch „Den menschlichen Grad einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit ihren Alten umgeht?“ Was wir einst frech, aber augenzwinkernd-liebevoll als „Komposties“ titulierten, wird wohl schon bald in deinem Selbstverständnis, liebe Gesellschaft, als revolutionärer neuer Generationenvertrag gelten: Komposties – nach dem Ausscheiden der Human Resource aus dem Leistungskreislauf wird die Humanmasse in einem finalen Akt als Biomasse seiner letzten gesellschaftlichen Verantwortung zugeführt. Das macht uns unabhängig von Putins Gas und entlastet gleichzeitig die notleidenden Energieriesen.

Belze, Belze, du gaache Wurz’n, immer bist du nur am granteln, nörgeln und lamentieren, dabei hat doch unsere Gesellschaft jede Menge Frohsinn. Gerade ian den letzten Wochenenden lieferten wir der Welt doch wieder den ultimativen Beweis, was wir doch alle für Gaudiburschen und –burschinnen sind. Das Oktoberfest ist nämlich genauso bayerisch wie München und „Bayerns bester Radiosender“, eben einfach ein bunter Schmelztiegel aus Loden, Erbrochenem, Hirschhornknopf und Pornodirndl. Warum wird dabei eigentlich der selbstverständlich volksnahe und äußerst moderate Preis für eine Maß Bier (die ja im besten Fall 0,75l vom Getränk enthält) als der einzig gültige Stimmungsparameter angesehen? Und abschließend eine kleine Frage am Rande: Warum findet sich in keiner Radioredaktion in Bayern ein Sprecher, der „Wies’n“ richtig aussprechen kann?

Liebe Gesellschaft, mach nur weiter so, schließlich bis DU Weltmeister und auch ICH bin Deutschland.

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