Würde – ein gesellschaftliches Konjunktiv

Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Süß, oder? Was einst kluge Köpfe und Köpfinnen kriegsmüde und doch hellwach ersonnen haben ist inzwischen leider in einer Gesellschaft, die „würde“ nur noch als Konjunktiv kennt, nicht mehr das Papier wert, auf das es niedergeschrieben wurde.

Ein besonders fieses Detail dieser sogenannten „Würde“ besteht darin, dass sie nicht an der Grenze Halt macht und somit für alle Menschen gilt. Und welch unheimliche Gesellen hat diese Würde dann noch im Schlepptau: Die immer verdächtig wirkende „Religionsfreiheit“ mit ihrem komischen langen Bart, diese elendig querulatorische und immer nörgelnde „Meinungsfreiheit“ und dann auch die sonderbare, introvertierte „Privatsphäre“ – das alles gefährdet doch nur unsere Sicherheit.

Ein Blick über den großen Teich lässt Stammtische, unsere Regierenden und alle so notleidenden BMW-, Audi- und Mercedesfahrer vor Neid erblassen. Spielerisch leicht und mit kindlicher Naivität interpretieren unsere Brüder und Schwestern (NICHT „Freunde“, die könnte ich mir aussuchen) genau diese Würde des Menschen.

Übrigens wäre prinzipiell auch die „Freizügigkeit“ als essenzielles Menschenrecht vorgesehen. Da fragt mal in einem beliebigen Jobcenter, was mit einem Kunden passiert, der auf dieses Grundrecht basierend feststellt „ich möchte hier leben und nicht wegen diesem Job als Kurierfahrer wegziehen“. Gibt es einen weiteren Ort, wo Menschenwürde und Realität soweit auseinanderklaffen wie in diesen öffentlichen Demütigungsanstalten? Wir waren einmal eine solidarische Gesellschaft, die inzwischen nur noch auf der Angst vor dem sozialen Abstieg basiert. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“…

SIE HABEN POST. „ Sehr geehrter Herr Belze , leider verfangen sie sich wieder in Ihrer nicht mehr zeitgemäßen Polemik. Selbstverständlich wird die Würde des Menschen nach wie vor geachtet. Es erfolgte lediglich eine zeitgemäße Modifizierung nach marktrelevanten Parametern und sicherheitspolitischen transatlantischen Notwendigkeiten. Das Pochen auf die Würde des Menschen gefährdet Arbeitsplätze und erleichtert terrroristische Anschläge in unserem Land. Deshalb müssen wir Sie auffordern, nicht nur diesbezüglich ihre Denke zu ändern. MfG, Ihre schwarz-rote Regierung im Auftrag der Mehrheit des Volkes.“

Ich meine Denke ändern? Da habe ich aber jetzt eine Staune!

WEITER IM PROGRAMM. „Eigentum verpflichtet“, wo gibt es eigentlich noch den Unternehmer, der seine Hand über seine Leute hält, ergo ihre Würde schätzt („…der alte Kronseder, das war noch einer, der hat seine Leute gekannt und gewusst, was jeder einzelne da macht…“). Eine Millionen Arbeitnehmer in diesem Land haben schon gar keinen Arbeitgeber mehr – sie arbeiten bei Zeitarbeitsfirmen und haben somit einen Zuhälter. Wir haben kein Geld, um Lehrer und Krankenschwestern zu bezahlen, wir bezahlen aber Leute, die wöchentlich die Kranken aus der Arbeitslosenstatistik heraus rechnen (Zitat Volker Pispers). Sechs Millionen Deutsche kommen bei einer Vollzeitstelle nicht mehr über den Hartz IV-Satz. BILD-befeuert jault da der Deutsche reflexartig auf, wieso man denn diesen faulen Schweinen und Schmarotzern soviel bezahlt! So sind wir inzwischen, das Volk der Dichter und Denker, aber die Kanzlerin jubelt „Deutschland geht es gut und das ist ein Grund zur Freude“.

Wir verräumen unsere Alten, verstecken unsere Behinderten und verachten die Schwachen, wir scheitern schon an der Frage „muss denn eine Menschenwürde immer ein Geld kosten“ und spucken auf Flüchtlinge, Griechen und Andersdenkende. Wir haben alles vergessen, um was uns 70% der Weltbevölkerung beneidet. Wir haben Burn-Out und unsere Kinder ADHS, aber es geht uns gut. Wir sind gut durch „die Krise“ gekommen. Eigentlich würde das doch etwas Luft lassen, um sich einmal wieder dieser demokratischen Grundfesten zu widmen. Aber uns reicht zum Erhalt unserer Würde wenn wir nicht lange warten müssen, weil die zweite Kasse geöffnet wird, wir für 50 Euro in unser All-Incl.-Urlaubsparadies fliegen können und Geiz weiterhin geil bleibt. Genügt uns das wirklich? Ich befürchte ja.

Ich das noch menschlich? Oder ist das die neue Form brutalsten Sozialdarwinismuses? Wenn ich so darüber nachdenke fällt mir abschließend der große Dieter Hildebrand ein: „(…) dann weiß ich nicht, wo ich mir hinfassen soll, der Kopf ist mir zu schade dafür!“

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